Artikel über Cesar Millan auf 4Paws University

Originaltext © Lisa Mullinax

Deutsche Übersetzung / German Translation © 2012 Isolde Kommer

Mit freundlicher Genehmigung von Lisa Mullinax / by Courtesy of Lisa Mullinax

 

Der Hundeflüsterer: FAQ

Nach der Veröffentlichung meines Artikels "The Dog Whisperer" erhielt ich E-Mails von Fans, die meinen Ansichten vehement widersprechen. Ich möchte eine Reihe von Mythen über die Show widerlegen und antworte im Folgenden auf die häufigsten Einwände.

Die Fans der Show dürfen mir gerne schreiben; ich empfehle jedoch, zuvor die Links in beiden Artikeln zu betrachten. Persönliche Beobachtungen und Ansichten mögen wie starke Argumente wirken; sie reichen aber nicht aus, um die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschung widerlegen.

Ich habe noch nie gesehen, dass er einen Hund verletzt hat

Schlägt der Star gewalttätig auf Hunde ein? Nein, aber die eingesetzten Techniken sind manchmal unnötig grob und es spricht einiges dafür, dass körperliche Bestrafung, wie sie in der Show gezeigt wird, Schaden zufügen kann.

In der Episode "Fondue, Chip, Hope & JoyJoy" werden kleine Hunde am Genick hoch über den Boden gehoben und umhergeschleudert. In der Episode "Teddy" verliert ein Labrador den Boden unter den Pfoten, weil er an der Leine aufgehängt wird. Besonders schlimm: Shadow zeigt -- nach dem Urteil tierärztlicher Experten, die sich das Filmmaterial angesehen haben -- Anzeichen der Erstickung, nachdem er an der Leine aufgehängt wurde (uns liegen Berichte vor, dass die Tierschutzgruppe, die Shadow zuvor adopiert hatte, ihn nach dieser Episode zurückgeforderte).

Shadow

Der Hauptkritikpunkt ist jedoch die psychische Belastung, der die Hunde während der Show ausgesetzt sind. Viele Hunde zeigen zu Beginn der Show ein Vermeidungsverhalten, werden aber so weit gebracht, dass sie aggressiv reagieren.

Ein Beispiel dafür ist der Korea-Jindo JonBee, der gezwungen wird, sich auf die Seite zu legen. Nach einem ernsthaften und gefährlichen Kampf (der Hund scheint dabei zu urinieren) gibt JonBee schließlich auf und lässt sich auf die Seite drehen. Allerdings ist er nicht entspannt. Ganz im Gegenteil. Der Hund zeigt zahlreiche Anzeichen von Stress und ein Phänomen, das als "erlernte Hilflosigkeit" bekannt ist. (Update:. JonBees Eigentümer behielten ihn nach der Show nicht. Er wurde kürzlich auf einer von Millan-Jüngern betriebenen Tierschutz-Website aufgeführt; der Eintrag wurde dann aber wieder entfernt.)

JonBee

JonBee, mit einem Maulkorb versehen, wird an einem Würgehalsband vom Boden gehoben -- eine Technik, die "Stringing-up" genannt wird. Zuvor hatte der Hund versucht, die Kommunkation mit dem Star vollständig zu vermeiden.

Erlernte Hilfslosigkeit wurde erstmals beobachtet, als Forscher Hunde in eine Box ohne Fluchtmöglichkeiten sperrten und ihnen durch den Boden Stromstöße versetzten. Die Hunde versuchten zunächst zu fliehen, legten sich dann aber -- erschöpft und in auswegloser Situation -- trotz anhaltender Stromstöße einfach auf den Boden. Die Hunde fanden an den Stromstößen genauso wenig Gefallen wie zu Anfang; sie hatten einfach aufgegeben.

Es bedarf keiner körperlichen Verletzung, um einen Hund zu traumatisieren. Manche Hunde können sich von traumatischen Erfahrungen erholen; andere bleiben auf Dauer verhaltensgestört.

Genau wie beim Menschen verursacht chronischer Stress auch beim Hund schwerwiegende medizinische Probleme, etwa eine Schwächung des Immunsystems, Erkrankungen des Verdauungstrakts und Herzerkrankungen. Intensiver Stress kann den Hund für bestimmte Umgebungen und Menschen sensibilisieren, noch mehr negative Assoziationen als zuvor schaffen und auf lange Sicht zu einer Eskalation des Verhaltensproblems führen.

Ob nun psychischer oder physischer Natur -- diese Methoden sind schädlich und stellen eine große Gefahr für Hund und Halter dar.

Ruby

Ruby zeigt während dieser Episode häufig verschiedene Stresszeichen, darunter auch die Verweigerung von Nahrung.

Update: Uns liegt ein Bericht vor, dass Ruby später zuhause ein Kind biss und die Besitzer sich für eine Einschläferung entschieden. Der Tierarzt versuchte einzuschreiten. Über Rubys weiteres Schicksal wissen wir nichts.

Haben Sie die Show überhaupt schon einmal gesehen?

Ja. Ich sehe sie mir sogar regelmäßig an und lade die Video-Podcasts herunter (die kürzlich von iTunes entfernt wurden).

Ich betrachte sie zunächst mit abgeschaltetem Ton, sodass ich sowohl das Verhalten des Hundes als auch die Handlungen des Stars sowie die Reaktion des Hundes auf die eingesetzten Techniken beobachten kann. Ich stelle fest, dass die dramatische Musik, die Erläuterungen des Sprechers und des Stars häufig einen Gegensatz zu den tatsächlichen Geschehnissen auf dem Bildschirm bilden.

Die meisten Experten, die sich bereits gegen die Show ausgesprochen haben, sehen sich diese ebenfalls regelmäßig an. Der veterinärmedizinische Verhaltensforscher Andrew Luescher von der Purdue University sah Kopien der Show, die ihm vor der Ausstrahlung von der National Geographic zugesandt wurden. Er teilte den Produzenten zu diesem Zeitpunkt seine Bedenken mit.

Ihr Artikel ist voreingenommen

Deutlich gesagt -- bei diesem Thema ich bin ziemlich voreingenommen. Genauso wenig wie ein Ernährungswissenschaftler einen Artikel mit einer neutralen Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile von Junk-Food schreiben würde, fühle ich mich zu einer neutralen Sicht auf die Show veranlasst oder verpflichtet. Ich argumentiere jedoch sachlich.

Die Show bietet eine ungenaue Darstellung des Hundeverhaltens und lässt alles außer Acht, was wir heute über das Verhalten von Tieren wissen. Meine Voreingenommenheit ergibt sich auch aus jahrelanger persönlicher Erfahrung sowie der gesammelten Erfahrung meiner Kollegen, die persönlich mit den Ergebnissen solcher Techniken zur Unterdrückung von Problemverhalten konfrontiert waren.

Sie sollten ihn nicht nur einfach deshalb kritisieren, weil sie mit seinen Methoden nicht einverstanden sind

Warum nicht? Werden nicht gerade so in allen Bereichen Fortschritte erzielt?

Wenn bestimmte Techniken ein großes Schadenspotenzial haben und nicht die versprochenen Ergebnisse erzielen, sind Experten geradezu verpflichtet, Kritik zu üben. Sonst würden wir immer noch glauben, die Erde sei eine Scheibe, das Rauchen heile den Bluthochdruck und Elektroschocks und Lobotomie seien die beste Therapie für Autismus.

Sie sind neidisch auf seinen Erfolg

Viele Fachleute, die sich gegen die Show ausgesprochen haben, sind selbst äußerst erfolgreich. Sie genießen den Respekt ihrer Kollegen, sind Universitätsprofessoren und bekannte Referenten oder Autoren.

Zweitens haben professionelle Trainer und Verhaltenstherapeuten durch die Popularität der Show durchaus keine geschäftlichen Einbußen erlitten. Das Gegenteil ist der Fall. Wir erhalten ungeheuer viele Anrufe, weil die Besitzer erkannt haben, dass Verhaltensprobleme nichts Unabänderliches sind. Das ist der positive Einfluss der Show. Allerdings wird in mindestens der Hälfte der Haushalte (der Anrufer - Anm. d. Übersetzerin) die Show regelmäßig eingeschaltet und die verwendeten Techniken wurden erfolglos oder mit negativen Ergebnissen ausprobiert.

Würde die Show denselben Erfolg haben, aber nicht die persönliche Interpretation eines einzelnen Menschen zeigen, sondern humane Methoden auf der Grundlage der aktuellen und sich ständig weiterentwickelnden wissenschaftlichen Erkenntnisse, würden sich die meisten Fachleute in Lobeshymnen über die Show und den Star ergehen -- wie es etwa bei "It's me or the Dog" der Fall ist (einer auf "Animal Planet" ausgestrahlten Sendung mit belohnungsorientierten Lösungen für ähnlich problematische Hunde).

Die Triebfeder der Proteste ist kein Neid, sondern die Sorge um die Sicherheit und das Wohlergehen von Hunden und ihren Besitzern.

Die Hunde in der Show sind anders als diejenigen, mit denen Sie arbeiten -- sie haben ernsthafte Probleme

Dies ist ein verbreiteter Trugschluss. In der Show sehen wir alltägliche 08/15-Fälle von Angst- und Aggressionsverhalten, mit denen viele tausend Trainer, mich eingeschlossen, tagtäglich zu tun haben.

Hier ein perfektes Beispiel aus einer neueren Episode:

Video

Und hier dasselbe Verhalten, das ich in einer typischen Trainingseinheit beeinflusse. Zugegebenermaßen ist das Video nicht besonders dramatisch. Das liegt daran, dass ich nicht auf sensationelles Material für höhere Einschaltquoten aus bin, sondern der Kundin und ihrem Hund helfen möchte.

Video

Die Änderung ernsthafter Verhaltensprobleme hat nichts Sensationelles und eignet sich nicht für die große TV-Show. Der Grund: Es ist weder notwendig noch hilfreich, zur Verhaltensänderung eine aggressive Reaktion zu provozieren.

Sie glauben, es gäbe nur eine einzige Art, einen Hund zu trainieren

Überhaupt nicht. Aber die Gesetzmäßigkeiten der operanten Konditionierung, positiven Bestrafung und negativen Verstärkung können auch dann funktionieren, wenn sie präzise und gekonnt angewandt werden.

Viele Trainer, die auf Belohnungsbasis arbeiten -- und dazu gehöre auch ich -- begannen ihre Karriere mit aversivem Training. Wir wechselten zu belohnungsorienterten Techniken, nachdem wir die Vorteile beim Gehorsams- und Wettkampftraining und bei der Änderung ernsthafter Verhaltensprobleme erkannt hatten. Also ist uns nicht nur bewusst, dass es mehr als eine Möglichkeit gibt; wir haben weitreichende Erfahrungen mit einer Vielzahl von Methoden, auch vielen der in der Show angewandten Techniken. Wir verfügen zudem über umfangreiche Erfahrungen mit den potenziellen Folgen solche Techniken.

Hundebesitzer sollten sich fragen, ob sie nicht zuerst weniger aversive Techniken probieren sollten, bevor sie gleich zu einer potenziell nachteiligen Methode greifen.

Mehr dazu: Trainingsmethoden

Positive Trainer würden aggressive Hunde eher einschläfern, als sie für ihr Verhalten zu bestrafen

Es gibt sehr viele Bücher von Trainern und Verhaltensforschern über die belohnungsbasierte Änderung schwerer Verhaltensstörungen (einschließlich Aggressionen), dazu laufend Seminare und Konferenzen, die jährlich von vielen tausend Fachleuten besucht werden. Daran sollte klar ersichtlich sein, dass diese Trainer (darunter auch ich) nicht einfach zur Euthanasie greifen, statt eine Verhaltensänderung zu erzielen.

Hätte es die Eignung aversiver Methoden für die langfristige Verhaltensänderung gezeigt, würden wir sie weiterhin einsetzen. Denn die große Mehrzahl der jetzt belohnungsorientiert arbeitenden Trainer begann vor 10, 20 oder sogar 40 Jahren mit aversiven bzw. Zwangsmethoden.

Ist passiert. Wir haben uns weiterentwickelt, arbeiten besser und effektiver. Wir warten nur noch darauf, dass sich alle uns anschließen.

Man sollte Hunde nicht wie Menschen behandeln

Ja, das ist wahr ... es sei denn, die Alternative ist, Hunde als Pseudowölfe zu behandeln. Verschwommene Begriffe wie "Rudelführer" sollen sich angeblich auf die Verhaltensweisen von Hundeartigen im Rudel beziehen. Die Erklärungen und Empfehlungen in der Show haber aber nur sehr wenig damit zu tun, wie sich echte Wölfe in einem echten Rudel verhalten. Der Versuch, das Verhalten eines Hundes mit falschen Theorien über das Verhalten von Wolfsrudeln ändern zu wollen, ist keinesfalls besser, als einen Hund wie einen Menschen zu behandeln -- mit demselben möglicherweise problematischen Ergebnis.

Das Grundprinzip der straforientierten Techniken in der Show ist, dass der Hund sein Verhalten als "falsch" erkennen wird. Hunden wird also die menschenähnliche Fähigkeit zur Unterscheidung von Richtig und Falsch zugesprochen. Bis die Hunde sich weiterentwickelt, die menschliche Sprache erlernt haben und uns ihre Gedanken zu einem bestimmten Zeitpunkt mitteilen, ist es eine vermenschlichende Annahme, dass Hunde von ihrem Gewissen getrieben werden.

Behandeln Sie Ihren Hund nicht wie einen Menschen, aber auch nicht wie einen Pseudowolf. Beschäftigen Sie sich mit etablierten, fundierten Informationen über das Hundeverhalten -- diese zeigen, dass die Theorien der Vergangenheit der Realität des Hunde- und Wolfsverhaltens nicht standhalten.

Aber er trainiert die Hunde doch gar nicht, er rehabilitiert sie

Gehorsamstraining und Training zur Änderung von Problemverhalten sind zwar nicht dasselbe, lassen sich aber auch nicht vollständig voneinander trennen. Die Grundlage erfolgreichen Hundetrainings ist das Wissen, wie Hunde lernen und was sie dazu motiviert, ein bestimmtes Verhalten zu wiederholen. Dies ist auch dann wesentlich, wenn man Verhaltensweisen ändern möchte.

Hunde mit mangelndem Grundgehorsam sind im Training schwerer kontrollierbar und reagieren weniger gut auf ihre Besitzer. Dadurch kann eine Verhaltensänderung (oder Rehabilitierung) sehr viel schwieriger werden.

Häufig beobachte ich in der Show, dass die Hunde zwar nicht auf den Auslöser des Verhaltens (andere Hunde, Menschen, Skateboards usw.) reagieren -- aber auch nicht auf den Besitzer. Stattdessen legen die kurze Leine und die Häufigkeit der Leinenrucks nahe, dass der Hund gar nicht so "gelassen-gehorsam" wäre, wenn der Besitzer die Leine freigeben würde.

Es ist nur schwer vorstellbar, wie jemand einen Hund ohne grundlegende Kenntnisse über das Lernverhalten des Hundes rehabilitieren wollte oder warum man den wichtigen Schritt der Ermutigung zur Zusammenarbeit weglassen sollte. Denn erst dieser versetzt den Besitzer wirklich in eine "führende" Position.

Man sieht in der Show doch ganz klar, dass es funktioniert

Nur weil ein Hund weder bellt, noch in der Leine hängt oder knurrt, muss er nicht gelassen sein.

Obwohl der Produzent der Show von einer 80-prozentigen Erfolgsrate spricht, habe ich in der Show nicht viele wirkliche Verhaltensänderungen gesehen. Stattdessen sehe ich Hunde mit unterdrücktem Verhalten, Hunde, die an sehr kurzen Leinen geführt werden, Hunde, die steif und erstarrt daliegen, nachdem sie mit Gewalt auf die Seite gedreht wurden, Hunde, die in fast jedem Fall in irgendeiner Weise gehemmt sind oder abgeschaltet haben.

Wenn ein Hund nicht bellt, losstürzt oder knurrt, ist er deshalb nicht unbedingt gelassen oder rehabilitiert. Wenn der Hund das erwünschte Verhalten nicht auch ohne die Behinderung einer kurzen Leine o. ä. zeigen kann, hat es sich nicht geändert -- es wurde unterdrückt.

Trotz der strengen Vertraulichkeitsvereinbarungen, die die Hundehalter vor ihrem Auftritt in der Show unterzeichnen müssen, kommen die Geschichten langsam an die Öffentlichkeit -- durch Tierärzte und Trainer, durch Tierschutzgruppen, bei denen die "rehabilitierten" Hunde schließlich landen und durch die Menschen, die sie adoptieren. Verschiedene Hundebesitzer haben die Produzenten der Show um Entlassung aus der Vertraulichkeitsvereinbarung ersucht, damit sie ihre Sicht schildern können. Dieser Bitte wurde nicht entsprochen.

Sie bekommen nur mit, was das PR-Team Ihnen erzählt und was die Produzenten zur Ausstrahlung auswählen. Die Show ist ein Produkt, ein viele Millionen Dollar schweres Unternehmen, das von Ihnen, dem Kunden, abhängt.

Bei meinem/n Hund(en) hat es funktioniert

Falls die Methoden der Show Ihnen und Ihrem Hund geholfen und nicht zu zusätzlichen Verhaltensproblemen geführt haben, kann ich verstehen, warum Sie kaum ein Problem sehen.

Immerhin wurden jedoch vor einer Zeit bestimmte Medikamente vom Markt genommen, nachdem schädliche Nebenwirkungen entdeckt wurden -- trotz der Aussagen vieler Menschen, die an die gute Wirkung dieser Medikamente glaubten.

Im Vergleich zu der begrenzten Anzahl Hunde, die der Durchschnittshalter in seinem Leben besitzen wird, haben professionelle Trainer und Verhaltensforscher mit vielen tausend Hunden zu tun, die als direktes Ergebnis straforienterter Techniken ernsthafte Verhaltensprobleme entwickelt haben.

Ist doch egal, dass er keine offizielle Ausbildung hat! Er arbeitet schließlich mit den Hunden und untersucht sie nicht im Labor

Es gibt eine Vielzahl professioneller Trainer und Verhaltenstherapeuten, die keine offizielle Ausbildung und keine Hochschulabschlüsse vorweisen können. Diese Trainer bilden sich jedoch selbst weiter und sind stets auf der Höhe der neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet des Hundetrainings und der Verhaltensforschung.

Es mag zwar sein, dass die Verhaltensforscher in den Laboratorien nicht immer mit Problemhunden arbeiten. Ihre Erkenntnisse über das Hundeverhalten -- auch der Aggression -- ist jedoch von unschätzbarem Wert für uns, die wir tagtäglich mit Problemhunden arbeiten.

Wenn man über ein Jahrhundert der Tierverhaltensforschung außer Acht lässt, fördert man die Unwissenheit der Hundehalter -- und dies ist die Hauptursache von Verhaltensproblemen.

Sind Sie der Ansicht, dass Menschen ihre Hunde wie Kinder behandeln sollten?

Hunde und Kinder sind nicht dasselbe. Verantwortungsvolle Elternschaft beinhaltet jedoch eine adäquate Ernährung und Erziehung sowie konsequente Regeln und Grenzen ohne die Anwendung körperlicher Gewalt. All diese Grundsätze gelten auch für die Erziehung eines gesunden, folgsamen Hundes. Würden also mehr Menschen bei der Hundeerziehung dieselben Prinzipien anwenden, die man bei der Kindererziehung erwartet, dürfte es nicht mehr, sondern eher weniger Probleme geben.

Das Journal of Applied Welfare Science veröffentlichte im Jahr 1992 die Ergebnisse einer Untersuchung, an der mehr als 700 Hundebesitzer teilnahmen. Man wollte herausfinden, ob problematische Verhaltensweisen etwas mit vermenschlichender Sichtweise zu tun hatten:

"... Bei Hunden, die von ihren Besitzern vermenschlicht, in unterschiedlicher Hinsicht "verwöhnt" wurden oder kein Gehorsamstraining erhielten, war die Wahrscheinlichkeit problematischen Verhaltens nicht größer als bei Hunden, die nicht vermenschlicht und nicht "verwöhnt" wurden oder die ein Gehorsamstraining erhielten."

Hunde entwickeln nicht einfach deshalb Verhaltensprobleme, weil die Menschen sie als Kindersatz betrachten und/oder behandeln. Viele andere Faktoren, etwa Veranlagung, Sozialisation (bzw. deren Fehlen) und Traumata tragen zu problematischem Hundeverhalten bei.

Positive Methoden funktionieren bei "Red-Zone"-Hunden nicht

"Red Zone" beschreibt keinen bestimmten Hundetyp. Wer dieses Schlagwort verwendet, passt seine Bedeutung gerne beliebig seinen jeweiligen Erfordernissen an. Mancher bezeichnet damit eine bestimmte Hunderasse (meist Pit-Bulls und Rottweiler). Millan selbst meint damit aggressive und herrenlose Hunde. Die häufigste Definition beschreibt Hunde mit reaktivem oder aggressivem Verhalten. Doch die Besitzer sogenannter "Red-Zone"-Rassen beweisen immer wieder, dass belohnungsorientierte Methoden mit allen Rassen funktionieren. Hier ist ein Beispieldafür:

Video

Wenn Sie den effektiven Einsatz belohnungsorientierter Methoden nicht erlernt haben, könnte es scheinen, als würden diese nicht funktionieren. Genauso gut könnten Sie aber behaupten, dass Autos gefährlich sind, weil Sie niemals Fahrunterricht genommen haben.

Ich habe versucht, meinen Hund in Gegenwart anderer Hund zu belohnen; es hat nicht geklappt

Befindet sich ein Hund in einer Situation, in der das sympathische Nervensystem zum Zug kommt (Kampf oder Flucht), wird das Verdauungsystem gehemmt, sodass für das Überleben alle Energie in die Muskeln geleitet wird. Genau das passiert, wenn die sogenannte Reizschwelle überschritten wird. Versucht also jemand, einem Hund Leckerchen zu füttern, obwohl dessen Reizschwelle überschritten ist, wird der Hund nicht fressen. Das bedeutet, dass der Besitzer sich zu schnell in ein Umfeld begeben hat, in dem der Hund bereits reagiert und nicht mehr in der Lage ist zu lernen.

Erfahrene Experten wissen, wie wichtig es ist, auch bei der Konfrontation mit dem Auslöser des Problemverhaltens -- Person, Hund oder Objekt -- unter der Reizschwelle zu bleiben. Dadurch erhält der Trainer die Möglichkeit, die Assoziationen des Hundes in dieser Situation mithilfe positiver Methoden zu ändern.

Damit belohnungsorientierte Methoden erfolgreich zur Verhaltensänderung eingesetzt werden können, müssen die Grundlagen des Lernverhaltens von Hunden bekannt sein. Ist dies nicht der Fall, kann kein Erfolg eintreten. Hat ein Trainer mit positiven Methoden keinen Erfolg, gibt es keine Verhaltensänderung, weder zum Positiven noch zum Negativen. Bei einem Versagen aversiver Methoden kann es jedoch zu einer Eskalation des Problemverhaltens kommen.

Fazit

Aggressionen und andere Verhaltsprobleme haben ihr Geheimnis verloren. Wir wissen mittlerweile, wodurch aggressives Verhalten ausgelöst wird und wie wir es ändern können, sodass wir nicht mehr auf die verschwommenen Interpretationen einiger weniger Menschen angewiesen sind. Und wir werden noch mehr erfahren, weil wissenschaftliche Entdeckungen und Untersuchungen immer tiefere Einblicke in das Verhalten von Hunden, Wölfen und Menschen erlauben.

Bei der Arbeit mit Hunden sind aversive Methoden keine Option. Moderne Trainer und Verhaltsforscher weisen seit Jahren auf die Wichtigkeit ausreichender Bewegung und klarer Grenzen hin -- lange bevor dieser Gedanke in der Reality-Show populär gemacht wurde. Nicht diese vom gesunden Menschenverstand diktierten Richtlinien der Hundeerziehung sind der Kritikpunkt an der Show. Es geht um die gefährlichen Techniken und Fehlinformationen über das Verhalten von Hunden. Genau das hat so viele Experten veranlasst, ihre Stimme zu erheben.

Lisa Mullinax